Im Interview mit Pater Kahn

P. Kahn<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-buelach.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>29</div><div class='bid' style='display:none;'>1353</div><div class='usr' style='display:none;'>11</div>

Ein Gespräch mit Pater Johannes Kahn – Ferienvertretung für Pfarrer Duda
Sekretariat Pfarramt,








Pater Kahn, können Sie sich uns kurz vorstellen?
Ich heisse Johannes Kahn, bin Jesuiten-Pater von der russischen Region der Gesellschaft Jesu. Ich bin seit 27 Jahren Priester, seit 28 Jahren in der Gesellschaft Jesu, tätig gewesen als Priester in Tadschikistan, Sibirien – in Nowosibirsk, dann in Kasachstan und die längste Zeit, wo ich im Stück war, das ist Kirgisien. Jetzt bin ich in Glatz in Polen.

Aber Sie sind in Kasachstan geboren?
Geboren bin ich im Norden Kasachstan, im Kustanai-Gebiet, wohin meine Eltern und Grosseltern verschleppt worden sind, während des 2. Weltkrieges.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Kindheitszeit, wie hat das ausgesehen?
Ganz interessant. Ich bin das fünfte Kind in der Familie. Die älteste ist die Schwester und dann vier Brüder, so ziemlich lebendig. Der Ort, wo wir aufgewachsen sind, ist eine Halbstadt. Nicht ganz Stadt. Aber nicht mehr ganz Dorf. Eine Station, wo die Züge… Knotenstation. Da waren auch viele Russlanddeutsche. Kasachen, Deutsche, Ukrainer – wirklich multikulturell und multireligiös. In dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, in unserem Haus. Die Grossmutter hat ganz gerne gekocht und hat ganz gerne Leute aufgenommen. So sind bei uns auch ihre Bekannten, Russlanddeutsche, aber auch nicht nur Russlanddeutsche, auch orthodoxe Russen, sind bei uns zu Hause oft gewesen. Zum Gespräch. Zum Teetrinken, oder manchmal auch Kaffeetrinken, obwohl Kaffee nicht zu finden war, damals. Aber ganz wichtig war, dass die Leute zusammengekommen sind. Ganz verschiedene, orthodox, evangelisch, Baptisten, Pfingstler…

Ihre Muttersprache ist eigentlich russisch, oder?
Eigentlich Deutsch, einerseits draussen haben alle Russisch gesprochen, zu Hause war es gemischt, was schneller auf den Mund kam. Die Grossmutter pflegte immer zu sagen: „Deutsch, bitte!“ „Taitsch!“, hiess es damals, ne, in unserem Dialekt. „Taitsch! Ich verstehe nix Russisch!“
Das ist das eine. Aber mit viel Humor hat man uns auch die Sprache beigebracht. Dass man etwas, so wie wir gesagt haben: Runterratschen – so Sprichworte: „Stol – Tisch / Ryba – Fisch / Noschyk – Messer / Lutsche – besser / Schto takoje – was ist das / Maslobojka – Butterfass.“ Und so, mit verschiedenen schönen Sprüchen hat man die Sprache lebendig gemacht. Zu Hause haben wir immer deutsch gebetet: vor dem Essen, nach dem Essen, ganz besonders vor dem Schlafengehen. Das war sehr, sehr wichtig. Und – was mir auch sehr gefallen hat – jeden Abend hat jeder bei jedem um Entschuldigung gebeten, was am Tage falsch war. Dass so eine Tradition… dazu auch Segnen. Einander Segnen. Ein Kreuzzeichen auf die Stirn.

Der Glaube war also sehr wichtig in Ihrer Familie?
Der Glaube, der hat das Ganze getragen. Weil der Glaube, der kam nicht von mir aus. Der kam von der Grossmutter und der Mutter aus. Und von der erwachsenen Verwandtschaft. Sie haben mir zu beten gelehrt. Ja, der Glaube war wichtig, hat uns allen Kraft im Alltag gegeben. Ich bin mit der Mutter oft zur Arbeit gegangen. Unterwegs hat sie immer verschiedene Rosenkränze, Psalmen, was sie auswendig gekannt hat. Eine ganze Menge. Wirklich, eine ganze Menge. Sie konnte den ganzen Tag durchbeten.


Wie macht man das? Über lange Generationen behält man seine Nationalität, seine Bräuche, seine Sprache. Wie macht man das? Dank solchen Grossmüttern, die sagen: „Taitsch, bitte!“?
„Taitsch!“, ja. Also sie hat immer nur Taitsch, Deutsch gesprochen, in ihrem Dialekt. Und gebetet, und gelesen. Gelesen das Buch Anna Katherina Emmerich „Die Leiden Christi“. Das hatte sie mit… versteckt mitgebracht, von der Ukraine. Das war auf Gotisch, mit Graphikbildern, wunderschön. Dort haben wir auch das Gotisch lesen gelernt, ja.
Aber wenn sie die Arbeit fertig hatte, hatte sie immer aus ihrer Kiste das Buch rausgeholt, in der Küche hat es auf den Tisch gelegt, und hat gelesen.

Also alles ist passiert in der vier Wänden eigenen Hauses?
Eigentlich ja. Aber das ist auch… um zurückzuschauen: Der Grossvater, als er von den Lagern entlassen wurde, um zu Hause zu sterben, er hat Gott gebeten, drei, vier Jahre, dass er seine kleinen Kinder noch bisschen im Glauben stärken kann. Und Gott hat ihm noch vier Jahre gegeben. Der war vier Jahre zu Hause, obwohl meine Mutter zu der Zeit, wo er gekommen ist, dann in kürze wurde sie erst in Karaganda, in Karlag (einem Arbeitslager des Gulags) tätig, in den Schachtgruben, wo die Kohlen abgebaut waren, und dann nach Fernosten, wiederum in diesen Lagern. Insgesamt fünf Jahre war sie weg. Wo sie zurückgekommen ist, war der Vater schon tot. Aber die Zeit, die er mit der Familie war, der hat die Kinder gesammelt – damals gab es keine Schule – und er hat sie das Vaterunser gelernt. Erstmal auswendig. Und dann hat er das geschrieben, und hat er die Kinder und Jugendlichen noch lesen gelehrt. Durch das Beten, durch das Vaterunser, durch andere Dinge hat er den Kindern das Schreiben und das Lesen beigebracht.
Die Grossmutter hat damals gesagt: „Was machst du? Man wird dich wieder verschleppen. Den eigenen Kindern kannst du und sollst du, aber nicht den Kasachen und Fremden.“ Hat er gesagt: „Mama, das Licht stellt man nicht unter den Tisch.“ Ja?
Als er gestorben ist, war die Grossmutter dran. Sie hat Leute zu Sakramenten vorbereitet. Hat die Nottaufe gespendet und so weiter. Selbst der Vorsteher in Tobol ist dann in der Nacht mit seiner Frau, mit seinem Kind gekommen, hat sie gebeten, das Kind zu taufen. Wo er versprochen hat, dass er es christlich erziehen wird. Woher hat die Grossmutter das gewusst? Sie hat gesagt: „Ich kann nicht. Es wird nicht christlich erzogen.“ Hat er gesagt: „Ich verspreche es Ihnen.“ Dann hat sie ihm das Kind getauft.

Und zwischen den Familien gab es lebhafte Kontakte, oder man hat sich eher beschränkt, in Angst vor dem Regime?
Also ganz offiziell dürfte man nicht zueinander gehen um zu beten. Deswegen war auch wichtig, dass man sieht, dass es Freundschaft ist. Nicht nur Verwandtschaft, aber auch Freundschaft. Leute sind im Haus zusammengekommen, die Fenster zugemacht und die Türe zugesperrt, und haben gebetet.

Kirche gab es nicht?
Das war die Kirche zu Hause. Was es auch noch gab, ich war nicht dabei, obwohl bei Beerdigung war sowieso normal, dass man am Friedhof ist. Kerjehof hat es man bei uns genannt. Als ich im Westen war, habe ich verstanden, wieso. Kirchhof. Der Friedhof ist im Hof der Kirche. Und das war meistens dann verwendet, auf Feiertage, auf Ostern, oder so. Man ging zum Gebet auch auf den Friedhof. Alles war ganz geheim. Ganz geheim! Mit immer Rückblick, ob jemand nachguckt.

Das musste ein unglaubliches Erlebnis sein
Ja. Für ein Kind ganz besonders. Ganz besonders. Auch der Empfang der ersten Kommunion. Es war nicht irdisch. Während des Gottesdienstes war ich nicht der einzige, der die erste Kommunion empfangen hat. Da gab es Taufen. Da gab es Beichte, Erstkommunion, bei mehreren. Da gab es sogar, für ältere Leute, die Trauung. Alles, was der Priester tun konnte, hat er getan.

Das war einzige Möglichkeit? Das war ein Tag, dass er dort war?
Eine Nacht. Die Messe war spät am Abend. So dass diese, die vielleicht nachgucken, nichts mehr sehen. In der Nacht sieht man nicht so gut. In der Nacht sind alle Katzen schwarz.

Wissen Sie das Datum, wann das war?
13. Juni 1978. Heiliger Antonius Tag. Es blieb mir im Herzen.

Das war einer der Gründe, dass Sie Priester geworden sind?
Das vielleicht auch. Das war sehr hilfreich dazu. Was ich auch weiterempfehlen kann. Die Eltern, die Mama, die Grossmutter, auch die anderen Leute verschiedener Konfession, christliche, die haben immer von heiligmässigen Menschen erzählt. Und es war genauso schön und gut von Familien, Eltern, genauso schön und gut von Mönchen und Priestern gesprochen. Wenn man von Kindheit auf, von Beiden positiv hört – und es waren doch so viele, die dadurch auch gelitten haben, dass sie Christen, wirkliche Christen waren. Und es hat dann im Herzen schon irgendwie… Ich weiss noch so was – ich habe es nicht in Erinnerung gehabt, aber die Geschwister sagen es so: Von den Bekannten war ein Mädchen paar Jahre jünger als ich und ihre Grossmutter hat gesagt: „Wirst unser Tochter Mann werden.“ Sagte ich: „Nein, ich werde Priester.“ So klein, wie ich war.
Aber die Entwicklung der Berufung kam dann in Karaganda. Nach der Erstkommunion, ein paar Tage später, sind wir nach Karaganda weggereist, um näher zur Kirche zu sein. Nur 40 km. Und dort waren wir oft genug in der Kirche. Und da waren wir als Ministranten. Einmal musste ich zählen und ich habe über 60 Ministranten gezählt, und über 200 Mädchen, die sich zur Prozession gekleidet haben.

Wann wurden Sie zum Priester geweiht?
Im Jahre 1992. Aber ins Priesterseminar bin ich gegangen – es war noch 1987.

Aber Russisch sprechen Sie und Sie sprechen auch Polnisch!
Polnisch ist eine der Sprachen, die von Kindheit auf kommt, und zwar aus der Kirche zu Karaganda. Da sind nicht nur Polen, Deutschen, da waren auch Litauer, Ukrainer… Damals waren die griechisch-katholischen Ukrainer eine Zeit lang in der römisch-katholischen Kirche zu ihren Gottesdiensten. Man hat nicht laut genannt, dass es griechisch-katholisch ist. Einfach katholisch. Und zwei oder drei Jahre lang haben sie offiziell dann zelebrieren dürfen. Ihre Gottesdienste, östlichen Gottesdienst feiern, ne? Und ich war auch bei denen Ministrant. Und Ministrant lesen ja die Lesungen.
Ich habe auch im Chor gesungen, Polnisch, Ukrainisch, Russisch. Es ist von Kindheit auf dann nah am Herzen, weil es den Glauben betrifft. Das, was man selbst erlebt, lebt man weiter. Was einem in Kindheit, Jugendzeit süß war, lebt man weiter.

Sie lieben auch Sprachen?
Ja. Die Polnische ganz besonders. Wir haben viele Polen. Und durch die geistlichen Übungen, an denen ich teilnehme, ist es wichtig, dass ich Polnisch gut verstehe und gut sprechen kann. Deswegen bete ich das Stundenbuch auf Polnisch meistens. Auf Deutsch auch, auf Russisch auch, aber mehr auf Polnisch und andere Gebete täglich auf Polnisch. Und so entwickelt sich die Sprache. Rosenkranz auf Polnisch, die anderen Gebete. Das entwickelt meine Sprache und meine Liebe zu der Sprache. Und dann auch in den geistlichen Übungen mit den Menschen.

Aber nicht alle Priester sind so, wie Sie, so multikulturell eingestellt. Nicht alle sehen über ihre eigene Nation heraus
Mein Bruder hat mal zu mir gesagt, in einer solchen Situation: „Denk nach, welche Erziehung wir haben. Und danke Gott, dass wir die Erziehung haben. Nicht alle haben solche Eltern gehabt. Nicht alle haben solche Bekanntschaft, Verwandtschaft und solche Gemeinde, wie zu Karaganda gehabt.“

Also dankbar sein für alles?
Ja, ich glaube, das ist sehr wichtig. Dankbar sein für alles, was wir von Gott bekommen, jeden Tag. Er beschenkt uns reichlich mit seinen Gaben. Ich bin Gott auch sehr dankbar, dass ich jetzt in Eurer Pfarrei in Bülach verweilen kann, bis der Pfarrer von den Ferien zurückkommt. Das ist eine grosse Gnade für mich.

(Karolina Gad)
Bereitgestellt: 08.10.2019     Besuche: 72 Monat
 
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